Syntax: Theorie & Grundlagen
Zusammenfassung der Vorlesungsinhalte (WS 2025/26)
Syntax I: Konstituenten & Phrasen
Definitionen
-
Konstituente
Gruppe von Wörtern, die eine syntaktische Einheit bilden ("en bloc").
Nachweis: Verschiebetest, Ersetzungstest. - Phrase Konstituente mit einem lexikalischen Kopf (NP, VP, PP, AP).
Satzglieder (Funktionen)
Nominativ, Kongruenz mit Verb.
Genitiv, Dativ, Akkusativ oder Präpositional.
Ort, Zeit, Art/Weise, Grund.
Bezug auf Subjekt/Objekt (bei sein/werden).
Syntax II: Valenz & Rollen
Argumentstruktur
- Ergänzungen: Vom Verb gefordert (obligatorisch/fakultativ).
- Angaben: Frei hinzufügbar (Adjunkte).
Semantische Rollen
- Agens: Handelnder.
- Patiens: Betroffener.
- Experiencer: Empfindender.
Genus Verbi (Passiv)
| Typ | Bildung | Effekt |
|---|---|---|
| Vorgangspassiv | werden + PII | Patiens → Subjekt |
| Zustandspassiv | sein + PII | Resultat |
| Rezipientenpassiv | bekommen + PII | Rezipient → Subjekt |
Syntax III: Feldermodell
Das Deutsche ist eine V2-Sprache mit Satzklammer.
| Vorfeld | LSK | Mittelfeld | RSK | Nachfeld |
|---|---|---|---|---|
| 1 Konstituente | Finites Verb (oder Comp) |
Satzglieder | Infinite Verben | Ausklammerung |
| Gestern hat der Mann den Hund gesehen, der bellte. | ||||
Restriktionen
- Vorfeld: Maximal EINE Konstituente. Keine Modalpartikeln ("denn").
- Mittelfeld: "Tendenz zur Kürze" vor "Länge". Pronomen vor Nomen.
Syntax IV: Satztypen
Aussagesätze, W-Fragen.
Ja/Nein-Fragen, Imperative.
Nebensätze (dass...), Relativsätze.
Komplexe Sätze
- Substantivsatz: "Dass er kommt..." (Subjekt/Objekt)
- Adverbialsatz: "Weil es regnet..." (Kausal, Temporal...)
- Relativsatz: "Der Mann, der lacht..." (Attribut)
Schritt 1: Identifikation der Konstituenten
Konstituenten sind Wörter oder Wortgruppen, die syntaktisch eine Einheit bilden ("zusammengehören"). Wir nutzen Tests, um sie zu finden.
Verschiebeprobe (Permutation)
Konstituenten lassen sich en bloc verschieben. Besonders aussagekräftig ist die Vorfeldprobe: Kann die Gruppe allein vor das finite Verb rücken?
[Auf dem Sofa] liegt [die Katze].
*Sofa liegt die Katze auf dem.
Ersatzprobe (Substitution)
Konstituenten lassen sich durch Proformen (Pronomen wie er, sie, es, das) oder Fragewörter ersetzen.
→ [Er] schläft.
→ [Wer] schläft?
Schritt 2: Bestimmung der Phrasenkategorie
Jede Konstituente hat einen "Kopf" (das wichtigste Wort), der die Kategorie der gesamten Phrase bestimmt. Dies ist eine rein formale Bestimmung.
NP (Nominalphrase)
Kopf: Nomen oder Pronomen.
Enthält oft Artikel und Adjektive.
[Sie]
[Die Tochter des Lehrers]
PP (Präpositionalphrase)
Kopf: Präposition.
Enthält immer eine NP, deren Kasus von der P bestimmt wird.
[wegen [des Wetters]]
AP (Adjektivphrase)
Kopf: Adjektiv.
Der [seinem Herrn treue] Hund.
AdvP (Adverbphrase)
Kopf: Adverb.
[Dort] steht er.
Schritt 3: Syntaktische Funktion (Satzglieder)
Welche Aufgabe erfüllt die Phrase im Satz? Hier unterscheiden wir streng nach Grammatik (Kasus/Valenz).
Die "echten" Satzglieder
Subjekt
Steht im Nominativ und kongruiert mit dem finiten Verb (Person/Numerus).
Objekte (vom Verb gefordert)
- Akkusativobjekt: Ich sehe [ihn].
- Dativobjekt: Ich helfe [ihm]. (Keine Kongruenz im Passiv!)
- Präpositionalobjekt: Verb legt Präposition fest. Warten [auf ...].
Adverbiale (freie Angaben)
Nicht vom Verb gefordert, meist weglassbar. Geben Umstände an (Wo, Wann, Wie, Warum).
Er kommt [morgen] (Temporal).
1. Attribute (Teile einer NP, z.B. "die schwarze Katze") sind KEINE Satzglieder.
2. Prädikative (bei Kopulaverben wie sein/werden, z.B. "Er ist Arzt") gelten hier oft NICHT als Satzglieder, sondern als Teil des Prädikatsbereichs.
Schritt 4: Semantische Rollen
Die Bedeutungsebene! Unabhängig von Kasus oder Satzgliedfunktion. Beschreibt die Beziehung der Entität zum Geschehen.
Agens
Der handelnde, kontrollierende Mitspieler. Willentlich aktiv.
(Peter = Agens, Nom, Subjekt)
Patiens
Erleidet die Handlung, verändert sich, hat keine Kontrolle.
Passiv: [Der Kuchen] wird gegessen.
(Kuchen bleibt Patiens, egal ob Akk-Obj oder Nom-Subj!)
Experiencer
Nimmt wahr oder empfindet (psychisch/physisch).
[Peter] liebt Musik.
Thema
Wird bewegt oder lokalisiert, aber nicht verändert/affiziert.
Schritt 5: Topologisches Feldermodell
Der deutsche Satz wird in "Felder" eingeteilt. Die Klammerteile (Verben) strukturieren den Satz.
Vorfeld (VF)
Meist nur eine Konstituente. Vor dem finiten Verb.
Linke Satzklammer (LSK)
Beherbergt das finite Verb (im Hauptsatz).
Mittelfeld (MF)
Zwischen den Klammern. Hier stehen die meisten Satzglieder.
Rechte Satzklammer (RSK)
Infinite Verbteile (Partizip, Infinitiv) oder Verbzusätze.
Nachfeld (NF)
Nach der Rechten Satzklammer. Oft für Ausklammerungen oder Nebensätze.
Schritt 6: Satzarten (Verbposition)
Die Stellung des finiten Verbs bestimmt die Satzart.
Verberstsatz (V1)
Finites Verb an erster Stelle.
Typen: Entscheidungsfrage, Imperativ, Bedingungssatz (uneingeleitet).
Verbzweitsatz (V2)
Finites Verb an zweiter Stelle (LSK). Vorfeld ist besetzt.
Typen: Aussagesatz, W-Frage.
Was [kauft] Peter?
Verbletztsatz (VL)
Finites Verb am Ende (in der RSK). LSK meist durch Konjunktion besetzt.
Typen: Nebensatz (eingeleitet).
Schritt 7: Genus Verbi (Aktiv/Passiv)
Veränderung der Perspektive und der Argumentstruktur.
Vorgangspassiv
Bildung: werden + Partizip II. Betont die Handlung.
Unpersönliches Passiv
Nur bei intransitiven Verben, die ein Agens haben (unergativ). Subjekt fällt weg, es bleibt oft nur ein "Es" oder gar nichts.
Zustandspassiv
Bildung: sein + Partizip II. Betont das Ergebnis.
Rezipientenpassiv
Bildung: bekommen/kriegen + Partizip II. Der Empfänger wird zum Subjekt.
Schritt 8: Der Komplexe Satz (Nebensätze)
Nebensätze sind untergeordnete Sätze (Hypotaxe). Sie können nach Form (Einleitung) und Funktion (Aufgabe im Satz) klassifiziert werden.
1. Klassifikation nach Form (Einleitung)
Konjunktionalsatz
Eingeleitet durch eine subordinierende Konjunktion (dass, weil, ob, wenn). Verb steht am Ende.
Relativsatz
Eingeleitet durch ein Relativpronomen (der, die, das, welcher...). Bezieht sich meist auf ein Nomen.
Uneingeleiteter Nebensatz
Ohne Einleitewort. Dafür oft V1- oder V2-Stellung. (Häufig bei indirekter Rede oder Konditional).
[Hätte ich Zeit], käme ich. (V1)
Infinitivkonstruktion (Satzwertig)
Infinitiv mit zu. Gilt als Nebensatz, wenn "satzwertig" (erweitert).
2. Klassifikation nach Funktion
Subjektsatz
Der NS füllt die Rolle des Subjekts.
(Was freut mich? -> Das.)
Objektsatz
Der NS füllt die Rolle eines Objekts (meist Akkusativ).
(Was weiß ich? -> Das.)
Adverbialsatz
Gibt Umstände an (Temporal, Kausal, Konditional, Konzessiv, Final...).
Attributsatz
Teil einer NP (kein eigenes Satzglied!).
(Teil des Subjekts "Die Tatsache...")
Schritt 9: Attribute (Teile von Satzgliedern)
Attribute sind keine selbstständigen Satzglieder, sondern Begleiter eines Kopfes (meist Nomen). Sie lassen sich nur zusammen mit dem Kopf verschieben.
Adjektiv-Attribut
Steht meist vor dem Nomen. Kongruiert.
Genitiv-Attribut
Meist nachgestellt (postnominal). Drückt Besitz oder Zugehörigkeit aus.
Präpositional-Attribut
Nachgestellt. Durch Präposition angeschlossen.
Apposition
Ein substantivischer Einschub, gleicher Kasus wie das Bezugswort (Kasuskongruenz).
*Auf dem Tisch steht die Vase teuer. (Beweis, dass "auf dem Tisch" hier Attribut zur Vase war).
Schritt 10: Spezialfälle der Verbkonstruktionen
Manche Konstruktionen lassen sich nicht einfach mit dem Standard-Schema "Subjekt/Objekt" erklären. Hier interagieren mehrere Verben auf komplexe Weise.
Raising (Anhebung)
Das Subjekt des Satzes erhält seine Rolle vom infiniten Verb, aber den Kasus (Nominativ) vom finiten Verb (scheinen).
(Du = Agens von 'gewinnen', aber Subjekt zu 'scheinst')
A.c.I. / ECM
AcI = Accusativus cum Infinitivo / ECM = Exceptional Case Marking.
Ein Objekt bekommt den Kasus (Akk) vom Hauptverb, aber die Rolle vom Infinitiv.
(Dich = Agens von 'rennen', aber Akk von 'sehen')
Unergative Verben
Intransitive Verben, deren einziges Argument ein echtes Agens ist. Bilden unpersönliches Passiv.
Unakkusative Verben
Intransitive Verben, deren einziges Argument eher ein Patiens/Thema ist. Bilden kein Passiv!